
Emir sitzt an seinem Platz. Ganz ruhig. Bloss nicht auffallen – die anderen sollen ja nicht merken, dass er die Aufgabe wieder nicht verstanden hat. Er schaut nach links und rechts, beobachtet, was die anderen tun. Macht es nach. So gut es geht.
Emir ist seit drei Monaten in deiner Klasse. Und du fragst dich manchmal: Wie viel versteht er eigentlich wirklich?
Kinder mit Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule sind eine der grössten Herausforderungen im heutigen Schulalltag. Nicht weil diese Kinder schwierig sind, sondern weil es sind immer mehr Kinder, die wenig oder gar kein Deutsch sprechen. Der Unterricht soll aber trotzdem normal weiterlaufen. Dies ist aber für die Lehrperson nicht eine kleine Differenzierung vom Schulstoff, sondern manchmal brauchen diese Kinder komplett anderes Arbeitsmaterial. Das ist für Kind und die Lehrperson eine grosse Herausforderung.
Was Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule wirklich bedeutet
Viele DaZ-Kinder fallen im Unterricht kaum auf. Sie sitzen ruhig, machen mit, versuchen zu kopieren, was die anderen tun. Sie können den Lerninhalten irgendwie folgen. Aber es fehlt oft der Wortschatz und das Verständnis, um wirklich alles richtig zu erfassen.
Es ist schlicht eine Frage der Sprache. Und Sprache braucht Zeit. Und sie braucht genug Input und genug Möglichkeiten, um geübt zu werden.
Was viele nicht wissen: Viele DaZ-Kinder beherrschen die Alltagssprache schon erstaunlich schnell. Nach wenigen Monaten spielen sie auf dem Pausenplatz, lachen mit, kommunizieren problemlos. Und genau das führt manchmal dazu, dass ihre Schwierigkeiten im Unterricht unterschätzt werden.
Denn Alltagssprache und Bildungssprache sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ein Wort wie beschreiben, benennen oder vergleichen ist etwas ganz anderes als Pausenhofdeutsch. Bildungssprache ist abstrakter, fachlicher, strukturierter – und sie braucht Jahre, um wirklich zu sitzen. Diesen Unterschied zu kennen verändert, wie du mit DaZ-Kindern im Unterricht umgehst.
Und manchmal sind es sogar Wörter, die wir im Alltag immer wieder brauchen, die aber die Kinder nicht wirklich verstehen. So hat mich eine Kind in der 5. Klasse gefragt, was denn eigentlich ‚Idee‘ wirklich bedeutet. Ich war ehrlich erschrocken. Denn wenn schon ein solches Wort, das tagtäglich in der Schule verwendet wird, nicht verstanden wird. Da frage ich mich, bei welchen anderen Wörtern es wohl noch hapert.
Wie Kinder Deutsch als Zweitsprache wirklich lernen
Sprache lernt man nicht durch Erklären. Kinder lernen Deutsch durch Hören, Nachahmen und Wiederholen. Durch Rituale und echte Gespräche. Durch Beziehung und Vertrauen. Nicht nur durch Lernen von Grammatikregeln.
Sprache ist wie ein Muskel. Er wächst durch Gebrauch. Das braucht Zeit, Motivation und genug Anregung. Und das braucht einen sicheren Rahmen, in dem Fehler erlaubt sind.
Und Fehler passieren. „Ich habe gegangt.“ „Sie hat mir das geschreiben.“ Solche Sätze klingen schief – aber sie sind eigentlich ein gutes Zeichen. Sie zeigen, dass das Kind aktiv Sprachregeln aufbaut, Muster überträgt und testet, ob sie funktionieren. Das nennt man Interimssprache – ein notwendiger Schritt in jedem Spracherwerb. Diese Fehler musst du nicht sofort korrigieren. Schaffe gute Sprachvorbilder und gib dem Kind Zeit. Irgendwann sollten sie aber den Schritt, von dieser Interimssprache zur korrekten Sprache schaffen.
Was DaZ-Kinder in der Grundschule wirklich brauchen
Im Kern brauchen DaZ-Kinder in der Grundschule drei Dinge: genügend Sprachvorbilder, viel Wiederholung und Sprechgelegenheiten.
Genügend Sprachvorbilder bedeutet: Frontalunterricht, in dem hauptsächlich die Lehrperson spricht, ist für diese Kinder eigentlich ganz gut, da sie jemand korrektes Deutsch spricht. Auch Lernpartner, die gutes Deutsch sprechen sind wichtig.
Wiederholung bedeutet: Begriffe in vielen verschiedenen Kontexten begegnen lassen. Sätze und Aussprache (!) üben, bis sie sitzen. Wie wir meist aus dem eigenen Lernen einer Fremdsprache wissen, braucht es viele Wiederholungen bis ein Wort sitzt und nicht nur im passiven, sondern auch im aktiven Wortschatz genutzt werden kann.
Sprechgelegenheiten bedeutet: Kinder lernen Sprache im Tun – nicht mit Zuhören. Und je mehr echte Gesprächssituationen du schaffst, desto schneller wächst der Wortschatz, das Selbstvertrauen und auch das Verständnis.
Das Schöne daran: Was DaZ-Kindern hilft, macht den anderen Kindern oft auch Spass. Diskutieren, zusammen lernen und an Projekten arbeiten.
Was, wenn ein Kind noch gar nicht spricht?
Die stille Phase ist normal und wichtig. Manche Kinder hören wochenlang zu, sagen kaum etwas – und dann, plötzlich, sprechen sie. Das Gehirn hat die ganze Zeit gearbeitet, sortiert, gespeichert. So wie gewisse Kleinkinder keine einzelne Wörter sprechen, sondern erst verzögert, aber mit ganzen Sätzen anfangen zu sprechen.
In dieser Phase helfen Bilder und Gesten mehr als Worte. Einfache Übersetzungsapps können als Brücke dienen. Und das Wichtigste: Je mehr Druck das Kind spürt, desto weniger wird es sprechen. Ein Kind, das weiss, dass Fehler okay sind und niemand es auslacht, traut sich früher zu sprechen.
Die Erstsprache ist kein Hindernis – sie ist eine Ressource
Ein Kind, das zuhause Deutsch spricht, obwohl die Eltern die Sprache nicht wirklich beherrschen, bekommt vermutlich falsche Grammatik mit auf den Weg. Was wirklich hilft: Die Erstsprache stärken. Denn eine starke Erstsprache ist die beste Grundlage für den Erwerb einer Zweitsprache. Wer die Grammatik in der Erstsprache von klein auf lernt, kann schneller eine zweite Sprache lernen. Denn das Gehirn hat schon eine Sprache von Grund auf korrekt gelernt, Muster wie Satzstellungen erkannt und gebildet. So fällt es bei einer zweiten Sprache leichter.
Das eigentliche Problem bei Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule
Die meisten Lehrpersonen denken zuerst: „Wie soll ich das neben dem normalen Unterricht noch schaffen? Ich brauche mehr Material, mehr Zeit, mehr Unterstützung.“ Das stimmt teilweise. Aber es ist nicht das eigentliche Problem.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Du siehst, dass ein Kind nicht mitkommt. Du siehst, dass es still ist, dass es nicht versteht, dass es irgendwo festhängt. Aber du weisst nicht genau wo. Und ohne diese Einordnung kannst du nicht gezielt helfen.
Eigentlich lernen Kinder Sprache am besten durch echte Situationen – durch Hören, Miterleben, Mitmachen im normalen Unterricht. Das nennt man Immersion. Der Gedanke dahinter ist gut: Kinder tauchen in die Sprache ein und lernen sie durch den Gebrauch.
Aber Immersion funktioniert nur, wenn das Kind dem Unterricht folgen kann. Kommt ein Kind zum Beispiel in der 2. Klasse in die Schweiz und spricht wenig Deutsch – hat aber gleichzeitig den Zehnerübergang in Mathe noch nie gelernt – dann ist das kein reines Sprachproblem. Dem Kind fehlen grundlegende fachliche Inputs. Es kann dem Unterricht nicht folgen, nicht weil es die Sprache nicht versteht – sondern weil mathematische Strategien fehlen. Oftmals wird das Problem dann schnell auf die Sprache geschoben. Würde das Kind aber den richtigen Input zum Zehnerübergang erhalten, würde es verstehen, was zu tun ist.
Wenn der Lernstand sichtbar ist, wird es einfacher
Wenn du weisst, wo ein Kind wirklich steht – sprachlich und fachlich – ist es leichter. Du siehst: Hier fehlt es. Das ist der nächste Schritt. Genau das braucht dieses Kind jetzt. Da können dir die Etappenziele helfen. Sie helfen dir auf einen Blick zu sehen, wo jedes Kind in Deutsch steht – auch Emir, der still in der zweiten Reihe sitzt und hofft, dass niemand merkt, dass er unsicher ist. Du kannst ihn dann gezielt unterstützen.
Nimms patschifig – Flavia