
Es gibt diesen einen Moment im ersten Schuljahr. Diesen Moment, wenn ich als Lehrerin beobachten kann, wie Kinder plötzlich kleine Wörter lesen können und sie verstehen. Dieser Moment ist grandios. Denn jetzt eröffnet sich dem Kind eine ganz neue Welt und die Motivation der Kinder ist gross diese Welt zu entdecken.
Doch bis die Kinder wirklich richtig Lesen können, ist es ein langer Weg. Als Lehrerin darf ich die Kinder auf diesem Weg eine Weile lang begleiten und mit jeder Klasse sieht der Weg etwas anders aus. Denn einzelne Kinder können beim Schuleintritt schon lesen, andere tun sich sehr schwer damit und müssen sich viele Lektionen durchkämpfen, bis diese Symbole wirklich einen Sinn ergeben.
Lesenlernen beginnt lange vor der Schule
Viele denken: Alle Kinder lernen lesen in der 1. Klasse. Doch dies stimmt so nicht. Denn der Prozess beginnt viel früher – wenn ein Kind beobachtet, wie Eltern Bücher oder Zeitung lesen, wie sie Nachrichten auf dem Handy lesen. Wenn die Eltern mit dem Kind Bilderbücher anschauen. Wenn es merkt: Hinter diesen Zeichen steckt etwas Bedeutungsvolles.
Diese frühen Erfahrungen nennt man Lesebewusstsein. Kinder mit vielen Vorlese-Erlebnissen bringen deshalb mehr Sprachgefühl mit. Und oft auch mehr Motivation Lesen zu lernen.
Für dich als Lehrperson bedeutet das: Du startest nie bei null. Du baust auf dem auf, was die Kinder schon mitbringen. Einige bringen viele von diesen frühen Erfahrungen mit, andere sehr wenige. Ein Kind, das zu Hause keine Bücher hat, startet an einem anderen Punkt. Ein Kind, das wenig Deutsch spricht, ebenfalls. Genau das macht den Deutschunterricht in der ersten Klasse zu einer Herausforderung und braucht unbedingt einen differenzierten Unterricht, wenn es um das Lesenlernen geht.
Der erste grosse Schritt: Buchstaben und Laute verknüpfen
Schon im Kindergarten wird die wichtige Fähigkeit fürs Lesenlernen trainiert – die phonologische Bewusstheit. Das klingt schwierig, kann aber sehr spielerisch geübt werden: Kinder lernen genau hinzuhören, welche Laute in einem Wort vorkommen und wo im Wort genau. Sind es Anlaute, Endlaute oder steht der Laut doch mitten im Wort.
In der ersten Klasse kommt dann die Verbindung zwischen dem spezifischen Laut mit dem passenden Buchstaben hinzu. Das M macht mmm und sieht so aus: M. Der Buchstabe A klingt nach aaa. Zusammen ergibt das „ma“. Dieser Moment ist der Schlüssel zu allem. Ohne diese Verbindung zwischen Zeichen und Laut gibt es kein Lesen. Deshalb lohnt es sich, hier genug Zeit zu investieren. Laute hören und unterscheiden. Buchstaben mit Bewegung verknüpfen – durch Knetbuchstaben, Luftschreiben oder Legematerial. Und immer wieder den Buchstaben mit dem korrekten Laut, nicht mit dem Buchstabennamen, verbinden. Je sicherer die Kinder dabei sind, desto einfacher wird das Lesenlernen.
Silben lesen
Sobald Kinder Laute zusammensetzen können und einige Buchstaben kennen, beginnt das Silbenlesen. Ma. La. Ti. So. Das klingt simpel. Aber für das Kind ist es ein erster Durchbruch, wenn aus La Ma, plötzlich das Lama herausgehört und verstanden wird. Hier passiert zum ersten Mal etwas Echtes: Zwei Buchstaben ergeben zusammen einen Klang. Und aus Klängen werden später Wörter. Denn Wörter setzen sich aus Silben zusammen.
Deshalb ist diese Phase besonders wichtig. Das Zusammenschleifen der Silben ist extrem wichtig, denn lesen die Kinder L a m a, bleibt es oftmals länger beim Abgehackten lesen, also Lesen mit Pausen zwischen den Lauten. Die Silbe La sollte möglichst ohne Pause dazwischen gelesen werden, ein bisschen wie wenn man singt. Silbenrutschen, Silbenpuzzles und Silben klatschen helfen dabei, diesen Zusammenhang zu automatisieren. Und häufige Wiederholung ist hier sehr wichtig. Je automatisierter die Kinder die Silben vorlesen können, desto einfacher wird das Wörter lesen.
Wörter lesen – das erste „Ich kann lesen!“-Gefühl
Wenn Silben sicher sitzen, werden die ersten richtigen Wörter gelesen. Die Wörter Mama und Papa sind dabei oftmals schon als Sichtwortschatz abgespeichert und müssen nicht mehr jedes Mal neu erlesen werden. Können die Kinder dann aber plötzlich Wörter wie Oma, Uhu, Ufo usw. lesen und verstehen und diese dem richtigen Bild zuordnen, platzen sie vor Stolz. Ein wirklich wichtiger Moment im Leben eines Kindes, denn Lesen ist immer noch eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man erlernt.
Diesen Moment darf man mit den Kindern wirklich feiern und sie dafür loben. Das ist etwa so ein Erfolgserlebnis, wie wenn wir ein chinesisches Wort lesen und richtig aussprechen könnten. In dieser Phase gilt: viele einfache Wörter lesen lassen. Den Kindern abwechslungsreiche Aufgaben zur Verfügung stellen und vor allem als Lehrperson diese grosse Motivation nutzen, welche die Kinder in diesen Momenten an den Tag legen. Viel laut oder flüstern lesen lassen – nicht im Kopf. Denn das Sprechen der Buchstaben unterstützt die Automatisierung. Ausserdem hörst du als Lehrperson direkt, wo Fehler passieren: Buchstaben-Laut Zuordnung falsch? Falsche Aussprache des Lautes? Buchstaben-Laut Zuordnung nicht automatisiert?
Sätze verstehen braucht noch mehr Fähigkeiten
Der nächste Schritt ist der anspruchsvollste. Vom Wort zum Satz. Manche Kinder lesen jeden Buchstaben korrekt und haben am Satzende keine Ahnung mehr, was am Anfang stand. Das frustriert mit der Zeit.
Das ist aber nicht unbedingt ein Lese-Problem. Sondern das Gehirn ist gerade noch so beschäftigt mit dekodieren der Buchstaben und Laute, dass keine Kapazität da ist, sich den Inhalt der Wörter und schliesslich des Satzes zu merken. Kurze Sätze lesen und Wörterlesetraining kann hier unterstützen. Je mehr Übung die Kinder haben, desto einfacher wird es und der Fokus kann sich immer mehr zum Verstehen richten.
Ausserdem helfen in dieser Phase gezielte Fragen: „Wer macht was?“ – „Was passiert hier?“ Und: Kinder malen lassen, was sie gelesen haben. Das zeigt dir sofort, ob Verstehen stattgefunden hat.
Erst wenn Sätze verstanden werden, wird zu kurzen Texten gewechselt.
Jedes Kind in seinem Tempo
Lesenlernen in der Grundschule ist kein Wettbewerb und sollte für die Kinder möglichst stressfrei sein. Denn Kinder wollen grundsätzlich alle Lesen lernen. Die Erwachsenen können das ja auch. Aber manche Kinder lesen nach sechs Monaten flüssig. Andere brauchen zwei Jahre. Beides ist normal.
Genau deshalb ist Differenzierung beim Lesenlernen keine Zusatzaufgabe, sondern das Wichtigste. Es braucht nicht für jedes Kind ein eigenes Programm. Aber als Lehrperson brauchst du den Überblick, wer gerade wo steht und du brauchst ganz viel Material.
Ein Kind liest noch einzelne Laute? Dann zurück zur Silbenrutsche. Ein Kind liest Wörter sicher? Dann weiter zu Satzanfängen und Lückensätzen. Ein Kind liest Sätze flüssig? Dann Lesetagebuch, Fragekarten, Lesespiele. Halte immer mehr Möglichkeiten bereit als du denkst zu brauchen. Auch wenn die Mehrheit der Klasse noch beim Silbenlesen ist, lohnt es sich schon früh einzelne Wortlese-Angebote parat zu haben. Die Kinder, die schneller vorwärtskommen, haben etwas Sinnvolles zu tun – und wenn die anderen nachziehen, ist das Material schon da.
Das ist patschifige Differenzierung.
Die häufigsten Fehler beim Lesenlernen begleiten
Fast jede Lehrperson tappt am Anfang in dieselben Fallen, wenn man den gängigen Lehrmitteln folgt. Zum Beispiel: Zu früh zu langen Sätzen springen, bevor Wörter wirklich sitzen. Oder stilles Lesen einsetzen, bevor das laute Lesen automatisiert ist. Oder Buchstabennamen statt Laute einführen – was Kinder später beim Zusammenlauten verwirrt.
Ich habe die sechs häufigsten Stolperfallen im Deutschunterricht in der 1. Klasse für dich zusammengefasst. Du erfährst, wo die grössten Fallen liegen und wie du sie mit kleinen Anpassungen sofort umgehst.
Hier den kostenlosen Guide holen: 6 Stolperfallen im Deutschunterricht →
Häufige Fragen zum Lesenlernen in der Grundschule
Was tun, wenn ein Kind stockt oder alles vergisst?
Zurück zur Silbenebene. Viele Kinder springen zu schnell weiter und verlieren die Sicherheit im Aufbau. Basis stabilisieren – dann erst weitergehen.
Wie kann ich zu Hause unterstützen?
Lesen üben ja – aber spielerisch. Kein stundenlanges Abfragen. Lieber kurze Vorlese-Einheiten, gemeinsames Lesen und Lesespiele im Alltag einbauen. Positive Erlebnisse sind das Wichtigste.
Ab wann ist es ein Problem, wenn ein Kind noch nicht liest?
Wenn ein Kind am Ende der 1. Klasse noch keine stabilen Laut-Buchstaben-Verbindungen hat, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Aber: Langsam ist nicht gleich: Es wird es nie lernen. Mit Geduld, Wiederholung und passender Begleitung kann man viel lernen.
Wie verbinde ich Lesenlernen mit Differenzierung?
Mit Stationen, Lesepässen und unterschiedlichen Leseangeboten auf verschiedenen Niveaus. Du musst nicht alles doppelt vorbereiten – gute Aufgaben lassen sich oft auf mehreren Stufen spielen. Wenn du einen schnellen Überblick über die Lernstände deiner Klasse brauchst, helfen dir die Etappenziele weiter oder du liest mein eBook. Beide Angebote sind aus meinem eigenen Unterricht entstanden- weil es schlicht nichts gab, das gepasst hätte.
Eine konkrete Möglichkeit: Bereite drei Lesekörbe vor – einen mit Silbenkarten, einen mit einfachen Wörtern, einen mit kurzen Sätzen. Die Kinder wählen selbst wo sie starten. Sie lesen die Karten dem Lernpartner vor. Du wirst sehen: Sie wählen meistens genau das richtige Niveau. Und du hast Zeit um die zu begleiten, die wirklich Unterstützung brauchen.
Lesenlernen begleiten ist eines der schönsten Dinge im Lehrberuf – einfach weil diese Momente, wenn es bei den Kindern klickt und ein richtiges Lesefeuer entsteht, unvergesslich sind.
Nimms patschifig – Flavia