Wortspeicher im Unterricht

 

Ein Kind sitzt vor einem leeren Blatt und hat eigentlich eine ganz tolle Idee. Aber wie soll es diese jetzt aufschreiben? Wie schreibt man den Namen dieses Tieres? Das Kind ist unsicher, traut sich nicht zu fragen und schreibt deshalb einfach nichts. Es will ja keine Fehler machen. Und obwohl es sich eine fantasievolle Geschichte ausgedacht hat, findet diese nie den Weg auf das Papier.

Diese Situation kommt im Unterricht immer wieder vor. Dinge, die zwar im Kopf sind, können nicht ausformuliert werden – mündlich oder schriftlich. Das ist für die Kinder frustrierend, aber teilweise auch für die Lehrperson. Es gibt aber eine einfache Lösung, die genau diesen Kindern Unterstützung bieten kann – nämlich Wortspeicher.

Die Idee dazu habe ich ursprünglich aus dem Englischunterricht. Auch im DaZ-Unterricht wird häufig der benötigte Wortschatz vorgängig geklärt – im normalen Deutschunterricht passiert das aber oft nicht. Dabei wäre es so wichtig, denn inzwischen sprechen viele Kinder zu Hause noch eine andere Sprache und können diese Unterstützung gut brauchen.

Was ein Wortspeicher im Unterricht ist und warum er so viel bewirkt

Ein Wortspeicher im Unterricht ist eine sichtbare Sammlung von Wörtern, Satzanfängen oder Fachbegriffen – immer passend zum aktuellen Thema oder Schreibanlass. Kein aufwendiges Hilfsmittel, kein teures Material. Es reicht ein Blatt Papier und ein Stift.

Kinder, die einen Wortspeicher zur Verfügung haben, fragen weniger nach. So hast du mehr Zeit für Unterstützung bei der Ideensuche. Die Kinder kommen schneller zum Schreiben und trauen sich mehr. Sie müssen nicht zu dir kommen, sondern können viel selbstständiger arbeiten.

Besonders hilfreich sind Wortspeicher für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, Kinder in den unteren Klassen und für Kinder mit LRS. Aber auch leistungsstarke Kinder profitieren. Denn leistungsstarke Kinder wollen häufig korrekt schreiben. Sie können ebenfalls beim Wortspeicher abschauen, wie die Wörter korrekt geschrieben werden und bauen so ihren Sichtwortschatz auf. Kurz gesagt: er hilft allen und entlastet dich zusätzlich.

 

Wortspeicher in der Schule – wie erstellen?

Ich erstelle den Wortspeicher fast immer gemeinsam mit den Kindern. Direkt zu Beginn eines neuen Themas oder Schreibanlasses setzen wir uns zusammen und brainstormen: Welche Wörter brauchen wir wohl? Welche Nomen, welche Verben, welche Adjektive?

Die Kinder machen Vorschläge – ich entscheide, welche Wörter aufgenommen werden. Das ist wichtig. Nicht alles gehört rein. Lieber 15 gut gewählte Wörter als 40. Wie werden sie geschrieben? (Hier können direkt Rechtschreibregeln wiederholt werden). Was bedeuten sie?

Danach hängt der Wortspeicher gut sichtbar im Zimmer. Oder zumindest gut erreichbar. Die Kinder dürfen, so oft sie wollen, nachschauen gehen.

Wichtig ist in der Einführungsphase der Arbeit mit dem Wortspeicher, dass am Schluss reflektiert wird. Was wurde nachgeschaut? Wer fand ihn nützlich? Was hat am meisten geholfen? Wenn die Kinder einmal merken, dass er ihnen wirklich hilft, werden sie in Zukunft dieses Mittel nutzen, wenn es zur Verfügung steht.

Und das Beste ist, wenn ein Kind, das vorher beim Schreiben seine Ideen nicht vom Kopf auf das Papier bringen konnte, dies plötzlich kann. Das Kind, das der Lehrperson stolz seine geschriebenen Sätze präsentieren wird und mit einem guten Gefühl nach Hause geht.

Wortspeicher erstellen – 3 Varianten

1. Der Themen-Wortspeicher für die ganze Klasse

Diese Variante eignet sich perfekt für Sachthemen oder konkrete Schreibanlässe im Unterricht mit der ganzen Klasse. Dieser kann auch vorgängig von der Lehrperson zum Thema erstellt werden.

Beispielthema: Frühling

  • Nomen: Blume, Knospe, Regenwurm, Wiese…
  • Verben: blühen, summen, wachsen, zwitschern…
  • Adjektive: bunt, warm, sonnig…

Werden die Wörter mit Symbolen oder Bildern ergänzt, hilft dies den DaZ-Kindern enorm. So wird nicht nur das Wort abgespeichert, sondern auch gleich das Verständnis sicher gestellt. Mit dem Worksheet Crafter oder mit Canva, können ganz schnell die richtigen Bilder hinzugefügt werden.

Der Themenspeicher bleibt so lange hängen, wie das Thema im Unterricht besprochen wird.

2. Der individuelle Wortspeicher

Diese Variante ist ideal für Kinder mit Förderbedarf oder mit DaZ-Hintergrund.

Es wird ein A4-Blatt mit häufig gebrauchten Wörtern gestaltet– ganz persönlich auf das einzelne Kind zugeschnitten oder für die DAZ-Gruppe. Es kann ergänzt werden mit:

  • Symbolen oder Bildern zur visuellen Unterstützung
  • Übersetzungen in die Erstsprache (optional)
  • Platz zum Selbsteintragen von eigenen Wörtern

Einmal erstellt, kann das Kind ihn immer wieder hervornehmen. Das Kind schaut selbstständig nach, ohne nachzufragen. Dieses „ich kann mir selbst helfen“, gibt den Kindern Sicherheit.

3. Der digitale Wortspeicher

Wenn du mit Tablets arbeitest, dann bieten sich digitale Tools an wie Worksheet Go!, Book Creator oder Canva an. Mit Book Creator oder Worksheet Go! kann auch die Aussprache der Begriffe aufgenommen und abgespeichert werden. So können die Kinder sich die Aussprache der Wörter ebenfalls einprägen.

  • Kinder sammeln Begriffe gemeinsam (zum Beispiel bei Sachthemen)
  • Wörter lassen sich mit Bildern, Audio-Dateien oder Beispielsätzen erweitern
  • Zugriff von zu Hause aus ist je nach Tool möglich – auch Eltern können mitlernen

Tipp: Wenn im Team gearbeitet wird, kann diese Aufgabe bei klassenübergreifenden Themen auch aufgeteilt werden.

Wortspeicher und Differenzierung

Aufgabe: „Schreibe eine Geschichte über ein Tier im Frühling.“

Kind A (DaZ):
Nutzt die ganze Zeit einen Wortspeicher mit Bildern, sowie einen mit Satzanfängen wie „Eines Morgens…“, „Plötzlich…“ oder „Schlussendlich“….  Damit kann das Kind eigene, einfache Sätze mit den korrekten Wörtern aufschreiben.

Kind B (unsicher):
Schaut punktuell auf den Wortspeicher und kommt so schnell ins Schreiben. Unsichere Kinder haben Angst, Fehler zu machen oder nach Hilfe zu fragen, mit dem Wortspeicher können sie sich aber ganz unauffällig Hilfe holen.

Kind C (leistungsstark):
Arbeitet ohne Wortspeicher und schreibt längere, komplexere Sätze. Je nach Niveau kann auch verlangt werden, dass alle Wörter, die im Wortspeicher vorkommen, richtig geschrieben sein müssen. Wenn sie älter sind, kann man die Aufgabe zum Beispiel erschweren, dass man sagt, sie dürfen nur Synonyme von den den Wörtern auf dem Wortspeicher nutzen.

Alle Kinder arbeiten auf ihrem individuellen Level, im gleichen thematischen Rahmen. Es ist meiner Ansicht nach, eines der einfachsten und wirkungsvollsten Differenzierungs-Tools, die es gibt. Mehr zur Differenzierung findest du im Blogartikel Differenzierung in der Grundschule.

Wortspeicher im Unterricht – was du noch wissen solltest

Die Wortspeicher bleiben so lange hängen, wie sie aktiv genutzt werden. In der Regel bis zum nächsten Thema oder bis die Kinder die Wörter sicher beherrschen. Wenn er kaum mehr genutzt wird, darf er ruhig weg und durch neue Inputs ersetzt werden. Wichtig ist, dass der Wortspeicher so platziert wird, dass die Kinder leicht Zugang haben und sie die anderen Kinder beim Gang zum Wortspeicher nicht stören.

Wortspeicher können schon im Kindergarten mit Bild-Audio eingesetzt werden. Gegen oben gibt es keine Begrenzung. Auch in der Oberstufe können mit Fachbegriffen Wortspeicher erstellt werden.

Fazit:  kleine Helfer mit grosser Wirkung

Der Wortspeicher ist eines der einfachsten Werkzeuge die ich kenne und trotzdem überrascht es mich immer wieder, wie viel er bewirken kann.

Probiere es doch mal in deinem Unterricht aus. Ein A4-Papier, ein Stift, ein Thema. Und dann schau, was passiert.  Wenn du es noch einfacher willst, findest du bald in meinem Shop einige vorbereitete Wortspeicher zu verschiedenen Themen. Einen zum Wortschatz Unterricht findest du hier.

Nimms patschifig

Flavia

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