
So kann Differenzierung im Unterricht gelingen
Als ich in einer 2. Klasse eine Vertretung gemacht habe, kam es zu dieser Situation. Ein Kind war nach fünf Minuten fertig – und sah mich fordernd an. Ein anderes hatte noch nicht mal die Überschrift geschrieben und schaute verloren auf das Blatt.
Ich kenne diesen Moment zur Genüge. Und ich kenne auch den Gedanken, der gleich danach kommt: Ich müsste eigentlich für jeden eine andere Version haben. Drei Niveaus, fünf Varianten, zehn Ausdrucke – und das am besten noch bis morgen früh. Gerade bei Vertretungen unmöglich und weisst du was? Das stimmt so auch nicht.
Differenzierung im Unterricht heisst nicht: jedes Kind bekommt etwas anderes. Es heisst: jedes Kind bekommt das, was es in diesem Moment braucht. Und das kann auch mit einem einzigen Arbeitsblatt funktionieren – wenn du weisst, wie.
Warum „gleich für alle“ kein Fehler ist
Viele Lehrpersonen denken, wer differenziert, muss auch unterschiedliches Material haben. Das stimmt manchmal – aber längst nicht immer. Denn oft brauchen Kinder gar keine anderen Aufgaben. Sie brauchen einen anderen Weg zur Aufgabe.
Ein einheitliches Arbeitsblatt hat sogar echte Vorteile: Es schafft Orientierung im Klassenzimmer. Kein Kind sieht, dass es „das einfachere Blatt“ hat. Kein Kind fühlt sich öffentlich eingestuft. Und du sparst dir Stunden an Vorbereitung – Zeit, die du beim Begleiten im Unterricht viel sinnvoller einsetzen kannst.
Mehr kopieren bedeutet nicht mehr Differenzierung. Manchmal ist weniger Material und mehr Begleitung die viel wirkungsvollere Lösung.
Drei Wege, wie du ein Arbeitsblatt für alle passend machst
Das Geheimnis liegt nicht im Material selbst – sondern in dem, was du darum herum tust. Hier sind drei Ansätze, die ich in meinem Unterricht regelmässig einsetze:
Einstiegshilfen
Satzstarter als Kärtchen dazulegen. Wörterspeicher sichtbar machen. Ein Beispiel zeigen, bevor jemand losschreibt. Kleine Hilfen – grosse Wirkung.
Strukturhilfen
Aufgaben gemeinsam lesen. Abschnittweise vorgehen: „Mach zuerst 1–3, dann komme ich zu dir.“ Wer begleitet wird, braucht kein anderes Blatt.
Erweiterungen
Eine Zusatzfrage für starke Kinder. Ein Reflexionsauftrag. Oder: „Erfinde eine eigene Aufgabe.“ Fertig – ohne neue Datei.
Du baust also nicht drei verschiedene Arbeitsblätter. Du baust einen Grundauftrag und drei Begleitoptionen. Das ist ein fundamentaler Unterschied – für deinen Aufwand und für die Kinder.
So hat es bei mir in der Klasse ausgesehen
Alle Kinder hatten dasselbe Arbeitsblatt zum Thema „Sätze schreiben“. Ein Kind hatte farbige Satzstarter als Kärtchen neben dem Blatt. Zwei Kinder arbeiteten zusammen und lasen sich die Aufgaben gegenseitig vor. Drei Kinder hatten einen Zusatzauftrag: „Was wäre, wenn…?“ – und schrieben eine eigene Geschichte weiter.
Am Ende: drei Differenzierungsstufen, ein einziges Blatt, kein Kind musste etwas komplett anderes machen. Die Klasse war ruhig, fokussiert – und sooo patschifig.
Was ich in diesem Moment gespürt habe: Differenzierung im Unterricht muss sich nicht nach Zusatzarbeit anfühlen. Wenn du weisst, was du beobachtest und wann du eingreifst, ergibt sich vieles ganz von selbst.
Ist das dann überhaupt noch fair?
Diese Frage höre ich oft. Ich verstehe sie, weil viele unter „fair“ verstehen: alle bekommen dasselbe. Aber das ist keine Fairness – das ist Gleichmacherei. Wirklich fair ist, wenn jedes Kind eine echte Chance bekommt, das zu zeigen, was es kann. Und das bedeutet manchmal das Passende statt das Gleiche.
Transparenz: Alle wissen, woran sie arbeiten. Kein Kind bekommt heimlich „das schwache Blatt“.
Chancengleichheit: Jedes Kind kann zeigen, was es kann – auf seinem Weg, in seinem Tempo.
Selbstwirksamkeit: Kinder spüren: Ich schaffe das. Nicht weil es einfacher ist – sondern weil ich begleitet werde.
Ein kleiner Check für dich
Bevor du das nächste Mal anfängst, verschiedene Materialien zu erstellen, stell dir diese drei Fragen:
- Brauchen meine Kinder wirklich andere Aufgaben – oder eher andere Wege zur Aufgabe?
- Wo kann ich mit einer kleinen Hilfe oder Erweiterung viel mehr bewirken als mit einem neuen Blatt?
- Was wäre, wenn ich in der Vorbereitung weniger kopiere – und dafür beim Unterrichten bewusster begleite?
Wenn du bei einer dieser Fragen innerlich genickt hast: du bist auf dem richtigen Weg. Differenzierung im Unterricht ist kein Berg, den du auf einmal erklimmst – es ist ein Etappenweg. Und du hast gerade eine Etappe gemeistert.
Du willst den nächsten Schritt machen?
Damit Differenzierung im Unterricht wirklich patschifig wird, brauchst du eine Grundlage – du musst wissen, wo jedes Kind steht. Genau das leisten die Etappenziele: dein Überblick für Deutsch und Mathe, sofort einsatzbereit.
Ich bin gespannt: Welche Tricks nutzt du schon, um mit wenig Aufwand zu differenzieren? Schreib mir auf Instagram – solche Ideen teile ich sehr gerne weiter.
Nimms patschifig – Flavia