
Du blickst auf die Uhr. Schon wieder so spät. Du wolltest doch um 19.00 Uhr zu Hause sein. Aber die Arbeitsblätter für morgen liegen dreifach differenziert vor dir. Eines für die Starken, eines für die Mittleren und eines für die Kinder, die noch mehr Unterstützung brauchen.
Am nächsten Morgen teilst du die Blätter aus, aber irgendwie läuft es doch anders als du gedacht hast. Ein Kind sitzt trotzdem da und weiss nicht, wie es geht. Das andere Kind ist nach 5 Minuten fertig, obwohl du doch extra ein schwieriges Arbeitsblatt gestaltet hast. Irgendwie passt es doch nicht.
So geht es vielen Lehrpersonen, die differenzieren wollen. Sie wissen, was wichtig ist. Sie wissen theoretisch, was zu tun ist. Aber in der Praxis klappt es dann doch nicht wie gedacht und plötzlich ist wieder der Gedanke da: „Was mache ich jetzt?“
Und je häufiger dies vorkommt, desto müder wird man. Je müder man wird, desto eher lässt man die Differenzierung weg. Keine 3 verschiedene Arbeitsblätter, keine Niveaugruppen mehr – denn es ist zu viel. Doch das schlechte Gewissen wird immer grösser.
Aber was, wenn dieses Bild von Differenzierung schlicht falsch ist?
Das Missverständnis, das alles schwerer macht
Differenzierung im Unterricht ist nicht individueller Unterricht, so dass jedes Kind etwas anderes bekommt. Das ist nämlich gar nicht nötig. Es heisst: jedes Kind bekommt das, was es in diesem Moment braucht, um die jeweilige Aufgabe lösen zu können. Und das ist ein riesiger Unterschied.
Was, wenn es darum geht die Wege, wie die Aufgabe gemacht wird, unterschiedlich zu gestalten? Und nicht grundsätzlich eine andere Aufgabe zu geben?
Denn hier beginnt häufig der Stress. Denn wie soll ich als Lehrperson, den Kindern gleichzeitig 5 verschiedene Aufgaben erklären? Wie können sich die Kinder gegenseitig helfen, wenn sie alle verschiedene Aufgaben haben?
Sagen wir mal wie es ist: Ein einheitliches Arbeitsblatt hat echte Vorteile. Einmal erklären, alle haben die gleiche Aufgabe. Alle wissen, worum es gerade in der Unterrichtsstunde geht und können gemeinsam darüber sprechen.
Verschiedene Arbeitsblätter zu kopieren ist zwar schon Differenzierung, muss aber nicht sein. Es geht wirklich auch anders. Als ich das verstanden habe, hat sich mein Unterricht sehr verändert. Nicht, weil ich mehr vorbereitet habe, sondern weil ich aufgehört habe, so viel zu kopieren und angefangen habe, mir die richtigen Fragen zu stellen.
Auch weil ich viele Vertretungen mache, ohne dass ich mehr als die Stufe, Klassenanzahl und Fächer kenne, ist dies wirklich sehr wichtig für mich. Denn da habe ich vielleicht ein Arbeitsblatt und muss mir klar überlegen, wie kann ich diese Aufgabe erleichtern? Wie kann ich sie erschweren? Wie kann die Aufgabe sinnvoll erweitert werden?
Nicht jedes Kind braucht ein anderes Arbeitsblatt, aber jedes Kind braucht die richtige Unterstützung
Früher habe ich Material gehamstert, heute weiss ich, dass dies oft nicht nötig ist. Es braucht ein klares Lernziel, einen Grundauftrag und Optionen dazu.
Erleichtern:
Hier wird überlegt mit welchen Mitteln die Aufgabe auch von etwas leistungsschwächeren Kindern gemeistert werden kann. Brauchen sie Satzstarter, Lernmaterial um haptisch arbeiten zu können, Wortspeicher, einen Lernpartner, eine ausführlichere, langsamere Einführung der Lehrperson?
Erschweren:
Gibt es eine logische Zusatzaufgabe, einen passenden Reflexionsauftrag, können sie Hilfs-Lehrer sein, kann der Zahlenraum erschwert werden oder sich selbst eine solche Aufgabe ausdenken und jemandem geben zum Lösen?
Vielleicht magst du dazu auch den Artikel Schnelle Kinder im Unterricht lesen.
So kann es im Unterricht konkret aussehen
Alle Kinder sollen Sätze schreiben zu einem Wimmelbild. Das Lernziel ist: verständliche und korrekte Sätze aufschreiben.
Einige Kinder haben eine Merkhilfe bei sich zum Aufbau eines Satzes „Wer tut was?“ Zusätzlich haben sie noch einen Wortspeicher, damit sie die wichtigen Wörter kennen.
Ein Kind, das gar keine Ideen hat, hat einen Lernpartner an der Seite.
Einige Kinder schreiben längere, komplexere Sätze und wer möchte, darf sich sogar eine Geschichte zum Bild überlegen und diese aufschreiben. Das Ziel: verständliche und korrekte Sätze aufzuschreiben, bleibt genau gleich. Wer dieses Ziel schon gemeistert hat, kann noch ein zusätzliches Ziel wie „Schreibe alle konkreten Nomen gross“ bekommen.
Was bei Differenzierung nicht funktioniert
- Von heute auf morgen überall richtig gut differenzieren. Du hast bis hierhin gelesen und motiviert gedacht: das setze ich morgen direkt in allen Lektionen um. Und ich garantiere dir, dass dies nicht funktionieren wird. Denn wenn vorher wenig bis gar nicht im Unterricht differenziert wurde, werden die Kinder überfordert sein, dass plötzlich alle zwar eine ähnliche Aufgabe, aber eben nicht zu 100% gleiche Aufgabe haben. Und dann gibt es Unruhe und Chaos. Es ist wichtig, auch mit den Kindern darüber zu sprechen, dass nicht alle Kinder genau das gleiche tun und genau die gleichen Sachen gut leisten können. Nimm die Kinder mit auf den Weg und baue immer mehr ein.
- Aufgaben für schnelle Kinder einsetzen, die das Aufgabenformat noch nicht kennen. Das habe ich selbst erlebt: Ich habe schnellen Kindern eine Erweiterungsaufgabe gegeben die inhaltlich gut war – aber das Aufgabenformat war neu. Plötzlich brauchten genau diese Kinder ständig Hilfe. Der Gedanke war gut, aber die Einführung fehlte. Neue Formate müssen zuerst eingeführt werden, erst dann können sie selbstständig eingesetzt werden- auch bei leistungsstarken Kindern.
- Schnelle Kinder immer als Helfer einsetzen. Das fühlt sich praktisch an – und manchmal ist es das auch. Aber wenn es zur Regel wird, ist es weder für das schnelle Kind noch das langsamere Kind eine Förderung mehr. Es lernt, auf Hilfe zu warten statt selbst zu denken.
- Differenzierung nur fürs Gewissen machen. Drei Blätter ausdrucken und dann alle selbst arbeiten lassen, weil keine Zeit für eine richtige Einführung bleibt. Auf lange Sicht hilft dies niemandem.
Differenzierung und Eltern – direkt früh ansprechen
Mein Tipp: Sprich das Thema Differenzierung und einen Umgang damit, bereits am ersten Elternabend an. Erkläre, dass die Kinder in deiner Klasse nicht immer die gleichen Aufgaben lösen werden – und warum das so ist. Dass nicht alle Kinder alle Aufgaben lösen müssen. Erkläre auch kurz, wie beurteilt wird. Am besten schaust du da, wie es in deiner Schule gehandhabt wird.
Wenn Eltern das von Anfang an wissen, gibt es später viel weniger Fragen, weniger Missverständnisse und Unsicherheiten. Und wenn doch, hast du ja schon eine Antwort bereit, weil du dich für den Elternabend schon damit auseinandergesetzt hast. Denn wenn Eltern verstehen, warum du so unterrichtest, ziehen sie meistens mit. Das macht vieles einfacher.
Wie du den Überblick behältst
Das Schwierigste an der Differenzierung im Unterricht ist selten das fehlende Wissen. Viele sind gestresst, den Überblick zu behalten. Wer steht denn jetzt gerade wo? Wer braucht wo genau Unterstützung? Wer ist schon weiter? Und genau hier wird oft etwas Elementares übersehen: Wenn du keinen Überblick hast, differenzierst du irgendwie, aber bestimmt nicht zielgerichtet. Es ist die Grundlage für gute Differenzierung.
Hier können dich die Etappenziele unterstützen. Du kannst die Lernstände in wenigen Sekunden festhalten und weisst dann genau, wer wo in Mathe und Deutsch steht. So kannst du ganz gezielt und schneller differenzieren.
Bevor du das nächste Mal drei Blätter ausdrucken willst
Stell dir kurz die Frage: Braucht es wirklich andere Arbeitsblätter oder kann ich die Aufgabe selbst differenzieren?
Probiere es mal aus. Differenzierung beginnt nicht mit mehr Material, sondern mit einem anderen Blick auf das, was schon da ist. Beginne mit solchen Fragen und kleinen Veränderungen deinen Unterricht auf ein neues Level zu bringen – ohne dass du bis spätabends arbeiten musst.
Nimms patschifig
Flavia