
Ich habe in meinen Jahren als Lehrerin immer wieder das Gleiche erlebt. Ein Kind rechnet handelnd problemlos – legt Gegenstände hin, zählt nach, sagt das Ergebnis. Aber sobald die Aufgabe im Heft steht, geht es nicht mehr.
Das bedeutet nicht, dass das Kind nicht kann. Das bedeutet, dass das (Zahlen)verständnis noch nicht vorhanden ist. Und genau das ist der Kern der Einführung Minusrechnen in der 1. Klasse: Es geht nicht darum, Aufgaben auswendig zu lernen. Es geht darum, wirklich zu begreifen, was passiert.
Warum das Minusrechnen für viele Kinder schwierig ist
Plusrechnen kennen viele Kinder schon aus dem Alltag. Sie zählen dazu, sie sammeln, sie addieren intuitiv. Minus ist aber für viele weniger schnell verständlich. Oftmals wird zwar etwas weggenommen, aber es verschwindet nicht wirklich. Zum Beispiel wird dann im Spiel oft ein Legostein weggenommen, aber der Legostein wird später wieder hingelegt. Die Kinder merken, dass der Gegenstand nicht ganz verschwindet. Dies kann zu Problemen beim Verständnis von Subtraktion führen.
Ich habe Kinder in der 5. Klasse erlebt, die im Grunde nicht verstanden hatten was beim Minusrechnen wirklich passiert. Sie konnten die Aufgaben zwar irgendwie lösen, nutzen aber komische Strategien oder Zählen. Wenn das Zählen an den Fingern nicht mehr reicht, zählen sie oft einfach im Kopf. Das ist in den oberen Klassen ganz klar ein Problem.
Darum ist die Einführung ins Minusrechnen etwas vom Wichtigsten, das in der ersten Klasse gemacht wird. Wie du Minus einführst, entscheidet ob Kinder es wirklich verstehen – oder ob sie jahrelang unsicher sind beim Rechnen, weil sie das „eigentlich nie so richtig verstanden haben“.
Das Wichtigste zuerst: Minus bedeutet wirklich weg
Klingt simpel – ist es aber nicht. Viele Kinder, die mit Wendeplättchen oder Muggelsteinen arbeiten, schieben die Gegenstände einfach zur Seite. Und dann denken sie: Die kommen ja wieder zurück. Das Weggenommene ist noch da, nur ein bisschen weiter weg.
Deshalb arbeite ich bei der Einführung Minusrechnen am liebsten mit essbaren Materialien. Fruchtgummis, Trauben, Apfelstücke, Popcorn, Smarties – alles was wirklich verschwindet, wenn man es wegnimmt. Keine Ausnahme. Die Handlung von ‚ich nehme weg und es verschwindet wirklich‘ wird so immer wieder trainiert.
Die Erfolgsrate ist deutlich höher. Und der Unterricht motivierender. Kinder die ihre Fruchtgummis aufessen während sie rechnen, merken sich, dass etwas verschwindet.
Von der Handlung zum ‚richtigen‘ Rechnen
Es gibt einen Unterschied der bei der Einführung Minusrechnen oft übersehen wird. Handelnd rechnen können und genau zu wissen, was die Zahlen bedeuten, sind zwei unterschiedliche Sachen. Ein Kind das handelnd rechnet, sieht vier Äpfel, nimmt zwei weg, zählt nach und sagt: noch zwei da. Das Ziel ist, dass das Kind weiss: 4 − 2 = 2, auch ohne die Äpfel vor sich zu sehen. Erst dann haben sie eine konkrete Zahlvorstellung, die sie zum Rechnen im Kopf benötigen.
Wie man dahin kommt? Viele Wiederholungen, konkrete Erfahrungen, alltagsnahe Beispiele. Ich bleibe im handelnden Bereich so lange wie nötig. Manche Kinder brauchen zwei Wochen, andere sechs. Beides ist völlig normal – sie kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die 1. Klasse. Aber beides, die Zahlvorstellung und das Verständnis vom Minusrechnen, sind absolut wichtige Grundlagenkompetenzen. Ohne diese werden die Kinder in höheren Zahlenräumen nicht rechnen können.
Minusrechnen mit Geschichten einführen – so wird es lebendig
Sobald Kinder verstanden haben, dass beim Minus etwas wirklich weggeht, verknüpfe ich das Minusrechnen gerne mit Geschichten. Ich nutze dafür gerne kleine Holzbananen und meine Klassentiere. Schon um die Zahlvorstellung zu üben, werden die Bananen viel eingesetzt. Ein Beispiel zum Minusrechnen: „Coco und Gorillino haben vier Bananen gesammelt. Aber Gorillino ist frech und schmeisst zwei in den See. Wie viele bleiben übrig?“ Die Kinder übernehmen die Rollen, spielen die Szene nach – und schwupps, ist Minus nicht mehr abstrakt sondern lebendig.
Wie oft mache ich solche Geschichten? Viele Male. Gerade am Anfang ist Wiederholung mit verschiedenen Geschichten extrem wichtig. Rechnen mit Geschichten bleibt hängen – im Kopf und im Herz. Und die Kinder fangen irgendwann an, eigene Rechengeschichten zu erfinden – das ist der Moment, wo du weisst, dass es sitzt.
Tipp: Verwende Figuren oder Gegenstände die deine Klasse liebt. Was emotional verankert ist, wird lange nicht vergessen.
Der häufigste Fehler bei der Einführung Minusrechnen
Aus meiner Erfahrung ist es dieser: zu wenig handelnd, zu wenig spielerisch, zu früh abstrakt.
Kinder lernen Aufgaben auswendig, rechnen mit den Fingern – aber das tiefe Verständnis fehlt. Und dann passiert es: Viele Kinder entwickeln Vorbehalte vor Minusaufgaben. Sie spüren, dass sie es nicht wirklich verstehen – und das verunsichert sie. Bei einer Vertretung Ende 2. Klasse habe ich letztes Jahr wieder ein Kind erlebt, dass absolut überzeugt war, dass es nicht Minusrechnen konnte. Irgendwie hat es nicht verstanden, wie das genau funktioniert. Habe ich aber die Rechnungen in Teilschritte zerlegt oder haben die Aufgaben vereinfacht (anstatt 39-6 -> 9-6), konnte er die Aufgaben schnell im Kopf lösen. Ich denke, eines der grössten Probleme ist in den höheren Klassen, dass die Kinder dann überzeugt sind, dass ’sie es nicht können‘ und so blockiert sind.
Die Lösung: Bleib in den unteren Klassen länger im handelnden, spielerischen Bereich als du denkst nötig zu sein. Mehrmals wöchentlich handeln, spielen, Geschichten erzählen. Das ist genau der richtige Weg.
Lass sie viel mit Wendeplättchen oder Abaccos rechnen. Beobachte, was sie genau tun. Wenn du Zeit hast, lasse sie dir erklären. So findest du heraus wo es genau hakt.
Woran du merkst, dass ein Kind Minus noch nicht verstanden hat
Es gibt klare Signale. Das Kind zählt jedes Mal von vorne, kann 7 nicht hinlegen ohne mehrmals zu zählen. Es braucht auch nach Wochen noch immer das Material, wird nicht schneller, entwickelt nicht neue Strategien. Es kann die Aufgabe lösen, aber nicht erklären warum. Automatisieren der Aufgaben kann zwar im Zahlenraum 20 noch gut funktionieren, aber in den höheren Zahlenräumen wird es problematisch werden. Es rechnet mit den Fingern ohne zu verstehen was passiert. Oder es hat schlicht Angst vor Minusaufgaben, trödelt, drückt sich davor, geht in diesen Situationen aufs WC.
Wenn du diese Signale siehst: geh zurück. Zurück ins Handeln, zurück zu den Geschichten, zurück zu den essbaren Materialien. Es ist nie zu spät – aber je früher desto besser.
Übungsformen die funktionieren
Nach der Einführung Minusrechnen kommt das Festigen. Auch hier gilt: konkret, visuell, spielerisch statt trocken und eintönig.
Rechenbilder-Geschichten sind ein Klassiker: Kinder malen eigene Minusgeschichten – fünf Vögel auf dem Baum, zwei fliegen weg. Das verbindet Sprache, Bild und Rechnen. Mini-Karteien mit kurzen Aufgaben und Handlungsimpulsen eignen sich perfekt für Freiarbeit oder Stationen. Spiele wie Minus-Memory, Minus-Domino oder Zahlenspaziergänge bringen Bewegung ins Üben. Und Arbeitsblätter – gezielt eingesetzt zur Festigung, aber bitte differenziert. Gerade beim Minusrechnen in der 1. Klasse ist es wichtig, dass Kinder in ihrem Tempo lernen dürfen.
Zur Differenzierung beim Minusrechnen: Lass Kinder mit und ohne Material arbeiten, lass leistungsstärkere Kinder Kettenrechnungen lösen oder nutze offene Aufgaben und passe den Zahlenraum an. Mehr dazu findest du im Artikel Differenzierung im Unterricht.
Überblick über den Lernstand- Grundlage für die Differenzierung
Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die 1. Klasse. Manche haben ein starkes Zahlenverständnis, andere brauchen noch viel Zeit im handelnden Bereich. Das in der ersten Klasse einzuschätzen und sich als Lehrperson alles von so vielen Kindern zu merken, ist anspruchsvoll. Und doch ist es sehr wichtig. Nur wenn du den Überblick hast, kannst du reagieren, wenn ein Kind den Anschluss im Unterricht verliert, kannst du es gezielt unterstützen und dies auch konkret weiteren Förderlehrpersonen mitteilen. Die Etappenziele können dir dabei helfen. Dann musst du dir nicht mehr alles merken und kannst Besprechungszeiten verkürzen.
Falls du noch gute Tipps zur Einführung vom Minusrechnen hast, darfst du auch gerne einen Kommentar hinterlassen, so dass noch viele andere davon profitieren können.
Nimms patschifig – Flavia